Presepe Napolitane – Stadt der Krippen
Napoli 12.12.06
Auch in Neapel gibt es einen Weihnachtsmarkt, vielleicht sogar den größten Europas. Denn ausgehend von der Via San Gregorio Armeno breitet er sich ab Mitte November über die halbe Altstadt aus. Dabei sucht man Glühwein und Lebkuchen vergebens. In Neapel dreht sich alles nur um eines, die Pastori, die Krippenfiguren. Denn die Weihnachtskrippe ist für die Neapolitaner das wichtigste an Weihnachten, viel wichtiger als ein geschmückter Baum.
Dabei sind diese Krippen ganz anders wie wir sie in Mitteleuropa gewöhnt sind. Sicher kommt, zumindest in der Regel, auch Maria, Josef und das Kind im Stroh vor. Aber oft muß man eine Weile suchen bis man die heilige Familie irgendwo in einem Eck entdeckt. Im Grunde bilden die Krippen das Leben in Neapel ab. Bunt, laut und überbevölkert. Selbst in der Sparversion kommen sie kaum mit unter hundert Figuren aus.
Im 18. Jahrhundert entdeckte der Adel sein Faible für das pralle Leben der einfachen Leute in den engen Gassen, war sich aber zu fein sich direkt unter das Volk zu mischen. So kam man auf die Idee sich das Volk, in pflegeleichter Form, in die Paläste zu holen.
Die Weihnachtsgeschichte war dafür nur ein Vorwand. Die besten Bildhauer begannen nun also Terrakottafiguren zu formen, zu bemalen und mit feinsten Stoffen zu bekleiden. Manche investierten ein Vermögen in diese neue Leidenschaft und schmückten die Figuren mit echten Perlen und Silbergerät. Es entstanden fantasievolle Landschaften mit antiken Ruinen, Palästen und einfachen Häusern die von Handwerkern, Marktleuten, Bettlern und Huren bevölkert werden. Durch das Getümmel drängen sich die heiligen drei Könige mit prachtvollem, orientalischem Gefolge auf Kamelen und Elefanten. Nichts Menschliches ist ausgespart. Der Bäcker schiebt seine Pizza Margherita in den Ofen, während nebenan in der Kneipe ein betrunkener Zecher unter dem Tisch liegt. In der Krippe in der Kirche Gesù Nuovo entdeckt man sogar in einem Eck einen Hockenden mit nacktem Hintern, der sich gerade erleichtert.
Eine der schönsten Krippen steht in der Kapelle im Königsschloss und viele historische Krippen kann man im Kloster San Martino am Abhang des Vomerò besichtigen. Aber auch in fast jeder Kirche in der Provinz Neapel ist eine Krippe ausgestellt. In einem Nebenraum von Gesù Nuovo haben moderne Krippenwerkstätten Proben ihres Könnens ausgestellt und verzichten zum Teil ganz auf das eigentliche Weihnachtsgeschehen. In einer Krippe sind die Pastori nur noch Schachfiguren in einem Spiel zu dem Gott von Satan herausgefordert wird.
Die Tradition lebt weiter, auch wenn heute viele Figuren aus Plastik hergestellt sind und aktuelles Geschehen aufgenommen wird. Man kann sich auch den Papst, Michael Schumacher, italienische Politiker und Schauspieler in die Krippenlandschaft stellen. Man kann sogar den Kopfstoß von Zidane gegen Matarazzi nachstellen, der zum WM-Sieg Italiens geführt hat. Elektrik sorgt dafür, dass der Bäcker mit tatsächlicher Bewegung das Brot in den lodernden Ofen schiebt und der Metzger die Koteletts mit Schwung zerhaut. Pumpen lassen echtes Wasser über Wasserfälle fließen.
Genau deshalb lebt die Tradition wohl weiter, weil sie eben an das aktuelle Leben angepaßt wird. Und deshalb ist der Krippenmarkt „original“. Die Figuren sind nicht für Touristen gedacht sondern werden fast ausschließlich von Neapolitanern gekauft.
Ich frage mich warum das eigentlich nicht in Deutschland klappt, wo die Leute doch so verzweifelt nach dem originalen suchen. Und zum Beispiel in Esslingen einen Mittelaltermarkt finden, der so absolut nichts mit der Esslinger Tradition zu tun hat. Während ich auf meinen Espresso in der Bar zwischen den Weihnachtskrippen warte fällt mein Blick auf die Aufschrift auf der Kaffeemaschine: „Il vero gusto italiano“ (der wahre italienische Geschmack). Undenkbar, dass man in Deutschland irgendwo „der wahre deutsche Geschmack“ draufschreibt. Das ist wohl das Grundproblem. Man sucht das Original und schreckt gleichzeitig vor dem originalen deutschen zurück. Wenn man schon nicht den Coco-Cola-Weihnachtsmann mit „Merry Xmas“ auf dem Weihnachtsmarkt hat, dann greift man auf die weite Vergangenheit mit „mittelalterlich“ gewandteten, pseudomittelhochdeutsch Sprechern zurück. Während der vier WM-Wochen haben wir zaghaft wieder an der eigenen Idendität geschnuppert. Aber es ist in meiner Heimatstadt wohl noch ein langer Weg vom Mittelaltermarkt bis zu einem Esslinger Weihnachtsmarkt.
In Neapel jedoch passierte die Katastrophe in der Nacht zum 18. Dezember. Diebe räumten in San Nicola alla Carità, direkt an der belebten Einkaufsstraße Via Toledo, die Krippe ab. Sie gingen professionell vor. An den Hintereingang stellten sie ein Bauzelt um ungestört, in stundenlanger Arbeit, das Eisengitter aufzuschweißen. Wie sie Videokameras und Alarmanlage ausschalteten ist noch unbekannt. Die Versicherung schätzt den Wert der 300 gestohlenen Figuren aus dem 18. Jahrhundert auf 1 Million Euro. Nur das Jesuskind ließen die Diebe in der Krippe liegen. Ob das aus religiöser Ehrfurcht, wie die Journalistin von „la Repubblica“ vermutet, geschah? Es würde zu Neapel passen. Der Pfarrer apellierte unter Tränen an die Kriminellen auch die übrigen Figuren zurückzugeben, um den Kindern nicht das Weihnachtsfest zu verderben. Doch ich befürchte, dass die sich mit den ca. 1 Million in Neapel verbliebenen Krippenfiguren trösten müssen.








