Auf dem Vulkan

Es ist ruhig auf dem Vesuv. Kaum ein Tourist ist heute unterwegs. Ich steige alleine den Berg hinauf. Mutter und Tante folgen in ihrem eigenen Tempo. Der Vulkan strahlt eine friedliche Stimmung aus, auch wenn die Landschaft eintönig ist. Eine steile Halde aus roten Lapilli-Steinchen. auf denen erst ganz zaghaft die ersten Moose eine Heimat suchen. Und dann stehe ich am Kraterrand mit den von Wind und Regen angefressenen Tuffsteinblöcken. Der Golf von Neapel liegt im Dunst des schönen Dezembermorgens und ich erschrecke wie nahe die Großstadt Neapel vor mir in der Tiefe liegt. Von der Piazza Garibaldi aus erscheint der Vesuv weit weg in sicherer Entfernung. Doch von hier oben habe ich den Eindruck, als könnte ich mit einem guten Wurf die Guglia, die Pestsäule, auf der Piazza di Gesù Nuovo mit einem Stein treffen. Mir ist natürlich klar, wie trügerisch der Frieden auf dem Vulkan ist. Und dass der Vesuv das im Zweifel besser kann als ich.


Als 1787 Goethe hier hinauf stieg mußte er vor herumfliegenden Lavabrocken in Deckung laufen.
Oben auf dem Kraterrand hat Giuseppe seinen Imbissstand aufgestellt und bewahrt uns vor der Austrocknung. Dazu liefert er umsonst Geschichten vom letzten Ausbruch des Vesuvs 1944. Am Nachmittag des 18. März begann der Ausbruch unvermittelt. Einige amerikanische Soldaten, Neapel war kurz zuvor von den Alliierten besetzt worden, die gerade den Vesuv bestiegen, konnten sich nur durch einen beherzten Sprung hinter den Kraterrand retten. Ein Glück für sie, dass die Lava nach Nordwesten, weg von ihnen, ausgestossen wurde. Pech für die Bewohner von Massa di Somma und San Sebastiano, deren Dörfer komplett zerstört wurden. 47 Einwohner konnten nicht rechtzeitig fliehen und kamen beim Ausbruch um. Es folgten tagelange Explosionen, bei denen Lavaschlacke bis nach Angri und Pagani geschleudert wurde. In der entgegengesetzten Richtung hätten sie in gleicher Entfernung das Stadtzentrum von Neapel erreicht. Am 8. April brach der Krater schließlich mit einer letzten Explosion in sich zusammen und hinterließ das tiefe Loch, vor dem wir heute stehen.
Seither ist Ruhe. Die Rauchsäule, die Jahrhunderte lang charakteristisch für das Panorama von Neapel war ist verschwunden. Doch wie lange wird diese Ruhe dauern?

Im Jahr 79 n.Chr. lag der letzte Ausbruch gut 1800 Jahre zurück. So waren die Bewohner von Pompeii vollkommen überrascht von der einsetzenden Aktivität des erloschen geglaubten Vulkans. Am Mittag des 24. August explodierte der Berg förmlich. Die Reste dieses damals zerstörten Vulkans legen sich wie eine alte Haut als Monte Somma um den kurz darauf neu entstandenen Kegel des heutigen Vesuv. Bis ins 12. Jahrhundert folgten zahlreiche weitere Ausbrüche, dann fiel der Vesuv wieder für ein halbes Jahrtausend in einen trügerischen Schlaf. Am 16. Dezember 1631 war der mit einem Schlag zu Ende. Obwohl der Stadtheilige von Neapel San Gennaro durch eine außerplanmäßige Verflüssigung seines Blutes vor dem Ausbruch gewarnt hatte starben 4000 Menschen. Weit mehr als 79 n.Chr. Eben bis in den April 1944 kam der Vulkan dann nicht mehr zur Ruhe.
Doch die Vulkanologen befürchten dass die aktuelle Ruhephase fiel schneller vorbei geht, denn es baut sich in der Magmakammer unter dem Golf von Neapel aktuell wieder Druck auf. Das kann sich jeder vorstellen, was passiert wenn man einen Schnellkochtopf mit verstopften Ventil auf den Herd stellt. Es macht eine zeitlang einen friedlichen Eindruck, bis mit einem Schlag das Leipziger Allerlei die gesamte Küche ins Chaos stürzt.
Die Wissenschaftler haben ständig neue Hiobsbotschaften parat. So weiß man heute, dass die Phlegräischen Felder mit dem Vesuv über eine gigantische, gemeinsame Magmakammer unter Neapel miteinander verbunden sind. Und vor 8000 Jahren gab es eine riesige Eruption, genau an der Stelle des Fernbahnhofs Fuorigrotta, mitten in Neapel. Kürzlich wurde zudem der Roccamonfina, nördlich von Neapel, von der Liste der erloschenen Vulkane gestrichen. Er ist nur in einer sehr langen, aber endlichen Ruhephase.

Dabei wird der Vesuv so genau beobachtet wie kein anderer Vulkan auf der Welt. 1841 eröffnete Macedonio Melloni das erste Observatorium weltweit und begründete damit die Wissenschaft der Vulkanologie. Aber der Vesuv bleibt unberechenbar, ein echter Neapolitaner eben. Sein großer Bruder, der Ätna auf Sizilien spukt regelmäßig Lava. Doch diese Lavaströme sind langsam. So tragisch es ist wenn sich so eine glühende Walze auf bewohnte Häuser zu bewegt. Die Bewohner haben doch in der Regel noch Zeit um einen Möbelwagen zu bestellen und die Gebäude komplett auszuräumen. Der Vesuv jedoch überrascht mit Explosionen und Glutwolken, die mit der Geschwindigkeit eines Ferrari ins Tal rasen.
Sollten die Wissenschaftler Alarm schlagen, tritt einer der ausgeklügelsten Evakuierungspläne in Aktion. Jedes Stadtquartier hat eine Partnergemeinde in Norditalien, die die Flüchtlinge aufnehmen werden. Jeder Bewohner der gefährdeten Zonen weiß genau wo er sich hinbegeben muß und wo er schließlich landet.
OK, wer einmal erlebt hat, wie die 80 000 Besucher eines regulären und friedlichen Heimspiels des SC Napoli aus dem San Paolo Stadion „evakuiert“ werden, und dies Neapel für Stunden der Apokalypse nahe bringt, hat Zweifel ob es so reibungslos klappt, ca. eine Million Einwohner in Sicherheit zu bringen. Trotzdem macht das den Katastrophenplanern weniger Sorgen, hoffen sie doch auf eine Vorwarnzeit von einer Woche. Kopfzerbrechen macht ihnen eher, was passiert wenn der Vesuv nach dem ersten Räuspern erstmal ein paar Wochen still bleibt. Ein durchaus wahrscheinliches Szenario.
Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie in Talkshows im italienischen Fernsehen diskutiert wird ob die Wissenschaftler nicht überreagiert haben. Anderer Sendungen berichten über Einzelschicksale, wie verhungerte Haustiere, geplünderte Einzelhandelsgeschäfte. Schließlich wird ein Kamerateam den Besitzer eines Schreibwarenladens aus Torre del Greco begleiten, der trotz Verbots, zuhause nach dem Rechten sieht. Und damit ist der Damm gebrochen. Und die Bewohner kehren zurück.
Wenn dann alle wieder vor Ort sind, dann kann der unberechenbare Vesuv allen um die Ohren fliegen.