Michelangelos verstossener Christus

Michelangelos Christus in Bassano RomanoSeine Haltung ist lässig, er hält sich mit einem Arm an einem Pfosten. Er schaut etwas zur Seite, aber nicht aus Scham, denn er ist sich seiner Schönheit bewußt. Ein Mann Mitte 30 mit Bart und gewellten langen Haaren. Ganz selbstverständlich und lasziv steht er nackt da und hält ein Tuch nur locker in der Hand. Nein ich beschreibe keine Szene an einem Strand sondern eine 495 Jahre alte Skulptur, die ich heute in der Kirche San Vincenzo in Bassano Romano gesehen habe.

Die Frauen, die die Kirche für eine bevorstehende Trauung schmücken, zucken die Schultern, als ich nach dem Michelangelo frage, der hier stehen soll. Doch der alte Mönch, der den ausgerollten Teppich nach Stolperfallen absucht, weiß Bescheid. Er führt mich in eine Seitenkapelle und schaltet das Licht an. Und da steht er, der auferstandene Christus mit dem Kreuz. Doch er hat so gar nichts mit den anderen Darstellungen des gleichen Themas gemein. Er ist nicht erhaben oder göttlich, eher gelassen und entspannt. Eben doch der Mann am Strand, der sich seiner Schönheit bewußt ist und die Blicke genießt, ohne sie merkbar wahrzunehmen. Also der Typ Mann, der Michelangelo interessiert hat, nicht ein vom Tode auferstandener. Er ist klassisch komponiert. Standbein und Spielbein, leichter Hüftschwung und Drehung im Körper. Er erinnert an den berühmten David in Florenz, auch wenn er nicht dessen Kraft ausstrahlt sondern eben Entspanntheit.

San Vincenzo in Bassano Romano

 

Alles andere als entspannt muß jedoch Michelangelo gewesen sein, als er am Gesicht des Christus arbeitete. Denn plötzlich traf er auf der linken Wange auf eine schwarze Ader im ansonsten makellosen weißen Marmor. Man kann sich den Tobsuchtsanfall des perfektionistischen Meisters vorstellen, als er den Makel erkannte. Er ließ sofort Hammer und Meißel fallen und weigerte sich, an dem Werk weiter zu arbeiten. Sein Auftraggeber, der römische Patrizier Metello Vari war weniger rigoros und bat Michelangelo, ihm die Statue zu überlassen. Der hatte kein Interesse mehr daran und schenkte sie Vari. 1520 konnte Michelangelo eine zweite, ungetrübte Version des auferstandenen Christus für Vari fertigstellen. Diese Statue umfaßt viel energischer das Kreuz. Sie wurde in der römischen Kirche Santa Maria sopra Minerva aufgestellt und von einem späteren, prüderen Bildhauer mittels vorgehängtem Bronzetüchlein jugendfrei geschaltet.Den ersten Christus verhökerte Vari darauf auf dem Kunstmarkt und sie gelangte so über Umwege in den Besitz der Adelsfamilie Giustiniani, die damals über Bassano Romano herrschte und sie dort in der Kirche San Vincenzo aufstellte. Noch vor 70 Jahren war die Kirche allerdings heruntergekommen und verlassen. 1941 schenkte sie der Fürst Innocenzo Odescalchi, nun Herr über Bassano, dem Orden der Silvestrinianer. Da Bassano 1944 vorübergehend Quartier des deutschen Generals Kesselring war, wurde es jedoch von den Alliierten stark zerstört. So konnten die Mönche erst in den fünfziger Jahren das Kloster und eine angeschlossene Schule aufbauen. Auch die Sanierung der Kirche zog sich hin. Erst im Jahr 2000, anläßlich einer Ausstellung über die Kunstwerke der Giustiniani, betrachtete man den Christus in San Vincenzo näher und konnte sein Geheimnis lüften. Die Kunsthistorikerinnen Silvia Danesi und Irene Baldriga konnten ihn Michelangelo zuordnen, wenn auch das Gesicht der Statue von einem unbekannten Künstler im 17. Jahrhundert vollendet wurde.

Und so hat Bassano Romano etwas, was alle Kunstmuseen gerne hätten. Einen echten Michelangelo. Der Christus schaut auch deshalb zur Seite, damit man seinen Makel, die schwarze Ader im Gesicht, nicht sieht. Auch wenn ihn deshalb Michelangelo verstieß, ich mag ihn. Die entspannteste Figur, die Michelangelo schuf.

Michelangelos Christus in Bassano Romano Michelangelos Christus in Bassano Romano

San Vincenzo in Bassano Romano

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