Das grausame Schicksal der Beatrice Cenci

Salto-Tal
Nicola wundert sich nicht mehr. Wenn er mich fragt, welchen Vorschlag ich für einen Sonntagsausflug habe, erwartet er längst nicht mehr eine der gängigen Sehenswürdigkeiten, wie das Kolosseum oder das Vatikanische Museum, oder was sich deutsche Touristen sonst gerne anschauen. „Ich würde gerne nach Petrella Salto fahren“ sage ich. „Petrella was?“ meint er. Es freut mich wenn ich mal wieder einen Ort in der Umgebung Roms gefunden habe, den der gebürtige Römer nicht kennt. So fahren wir los. Leider ohne Straßenkarte. Wir wissen nur die grobe Himmelsrichtung, dass der Ort am gleichnamigen Stausee liegt und dass er vor über 400 Jahren Schauplatz eines tragischen Gewaltverbrechens war. Die Hoffnung, dass der Stausee an einer Autobahnausfahrt angeschrieben wäre, erfüllt sich leider nicht. Wir versuchen einen Bekannten, der in der Nähe wohnt, erfolglos telefonisch nach dem Weg zu fragen. Schließlich fahren wir aufs Geradewohl auf die Landstraße. Dort verrät uns endlich ein alter Mann, der gerade liebevoll seine Gartenhecke zurecht stutzt, den Weg. So kommen wir am frühen Nachmittag nach Petrella Salto. In der Tankstelle, gleichzeitig der einzige gastronomische Betrieb des Ortes, trinken wir einen Kaffee. Im Fernseher läuft gerade das Kinderprogramm, das vier Mitfünfziger mit halb geöffnetem Mund gespannt verfolgen. „Francesca, weißt du denn schon, dass man deinen Namen mit „F“ schreibt?“ Der Moderator telefoniert gerade mit einem circa sechsjährigen Mädchen. „Und weißt du auch, was man sonst alles mit einem „F“ schreiben kann?“ Der junge Mann im Fernsehen klebt die Bilder einer Blume (fiore), eines Gespensts (fantasma) und eines Pilzes (fungo) an eine Tafel. Die vier Männer in der Tankstelle halten gespannt den Atem an. Wird man tatsächlich alles mit „F“ schreiben? „Na ja, das Kulturangebot scheint hier nicht allzu groß zu sein.“ sage ich.
Burg von Petrella SaltoBurg von Petrella Salto
Das Dorf wird von einer Burgruine überragt. Die Reste einer Burg die im 16. Jahrhundert dem Marzio Colonna gehörte. Doch schon damals war das Leben im Salto-Tal wenig spannend. Vermutlich gab es nicht einmal die Tankstelle. So war Marzio Colonna froh, dass, während er sich in Rom aufhielt, Francesco Cenci mit seiner Familie die Burg hütete. Dieser, das Oberhaupt der einst mächtigen römischen Adelsfamilie Cenci, war bis über beide Ohren verschuldet. Er war wegen verschiedener Gewalttätigkeiten zur Zahlung von 100.000 Scudi verurteilt worden. Auch für einen Cenci nicht aus der Portokasse zu zahlen. Und so vermietete er seinen Palast in Rom und entzog sich seinen Gläubigern. Dafür war kaum ein Platz so geeignet wie die Burg von Petrella in dem abgelegenen Abruzzental.

Gewalttätig war Francesco jedoch auch gegenüber seiner Familie. Seine Tochter Beatrice und seine Frau Lucrezia sperrte er, wie Vater Fritzl aus Amstetten, in dem alten Gemäuer ein. Er missbrauchte und schlug die Frauen immer häufiger.

Der Legende nach soll sich die kaum zwanzigjährige Beatrice in den Schloßvogt Olimpio Calvetti verliebt haben und wurde von diesem schwanger. Man kann sich vorstellen wie es dem Mädchen vor dem Tag grauste, an dem ihr eifersüchtiger Vater davon erfahren sollte. Und so begann sie heimlich mit dem Geliebten und ihren Brüdern ein Mordkomplott zu schmieden. Die ersten zwei Mordversuche schlugen jedoch fehl. So ging man beim dritten Anschlag besonders gründlich vor. Ihrem Bruder Giacomo gelang es den Vater mit Opium zu betäuben, der zweite Bruder brach ihm darauf mit einem Nudelholz die Beine. Olimpio trieb ihm schließlich einen Hufnagel mit dem Hammer in den Schädel. Um auf Nummer Sicher zu gehen warf die Familie ihren Patron am Ende von der Burgmauer hinab. Wir schauen heute noch von der Ruine den steilen Abhang mit Schaudern hinunter. Dort unten in einem der Gärten muss der Leichnam gelegen haben. Als er gefunden wurde war der Rest der Familie bereits nach Rom zurückgekehrt.

Doch schnell fiel der Verdacht auf Beatrice und ihre Brüder. Olimpio war es, der schließlich unter der Folter die Tat gestand. Einem Verwandten der Cenci gelang es ihn zu ermorden, damit er die Familie nicht noch mehr belastete, doch es war zu spät. Der Prozess hatte ein gigantisches Echo und, angerührt von ihrem Schicksal, war die römische Bevölkerung fast vollständig auf der Seite von Beatrice. Die Aufregung muss vergleichbar mit der um Natascha Kampusch gewesen sein. Nur auf die hübsche Römerin warteten keine Talkshows sondern der Henker. Am 11. September 1599 wurde sie vor der Engelsburg enthauptet. Ihrem Bruder Giacomo erging es schlimmer. Er wurde mit glühenden Zangen gequält bevor man ihn vierteilte. Der noch minderjährige Bernardo wurde lebenslang auf die Galeeren geschickt.

Immerhin gelang es dem römischen Volk den Leichnam der Beatrice freizubekommen. Sie wurde mit einem feierlichen Trauerzug, an dem tausende Bürger teilnahmen zur Kirche San Pietro in Montorio gebracht, wo sie unter einer namenlosen Tafel vor dem Altar bestattet wurde. Viele hielten in der von einem Meer von Kerzen erleuchteten Kirche weinend Totenwache.

Der Besitz der Cenci wurde vom Papst beschlagnahmt. Clemens VIII. gab ihn an seine Familie, die Aldobrandini weiter, die daraufhin die Stellung der Cenci einnahmen.

Die Burg in Petrella jedoch verfiel. Das letzte große Stück rutschte bei einem Erdbeben 1915 ab.
Beatrice Cenci

Lage der Burg von Petrella Salto


Petrella Salto, Castello auf einer größeren Karte anzeigen

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