Eine Stadt namens Gabii – Auf der Via Polense

Gabii

Wir fahren über die Via Prenestina aus Rom hinaus. Auch am Sonntag vormittag steht man dabei zwangsläufig zwischen häßlichen Wohnblocks im Stau. Dabei kommt mir ein Hit (zumindest für den Großraum Stuttgart) aus den 80er Jahren wieder in den Sinn. Damals sang die „Kleine Tierschau“ den Ohrwurm „Lieber doof sein als Gabi heißen.“

Das dachte sich wohl auch der letzte etruskische König Roms, Tarquinius Superbus, vor 2500 Jahren. Doch hatte er nicht eine minderbemittelte Dame, wie die Ostalb-Rocker, vor Augen, sondern die mächtige Stadt Gabii, viel älter als ihre Konkurrentin Rom. Im Jahr 493 v.Chr. konnten die Römer den Krieg gegen Gabii gewinnen und die Stadt erobern. Damit begann ihr Expansionszug, der erst an Nordsee und Schwarzem Meer endete. Und Gabii sank herab zu einem Vorort der Metropole Rom. Sowie man vom öden Vorort Prenestino heute nicht viel hört, verschwand auch Gabii aus den Nachrichten. Mal abgesehen davon, dass es der Heimatort des Dichters Tibull war. Albius Tibullus ließ sich zu einer Reise nach Asien überreden. Als er zurückkehrte war jedoch seine Geliebte mit einem anderen verheiratet. Seinen Liebeskummer goß er in todtraurige Gedichte, die ersten Elegien.


Gabii, Scavi, Roma auf einer größeren Karte anzeigen

Um Gabii heute zu finden, muß man lange genug die Via Prenestina hinaus fahren. Wenn die Bebauung langsam spärlicher wird, steht ein Restaurant namens Gaby an der Straße. Von hier kommt man zu den Resten der alten Stadt. In der Landschaft sind noch viele niedrige Mauern zu finden. Am auffälligsten der Junotempel von dem die Mauern der Cella noch fast vollständig stehen. Dahinter beginnt der Abhang zu einem See, der seit langem trockengelegt ist. Die Felder auf dem fruchtbaren Seeboden zeichnen seine Umrisse noch deutlich nach. Ich kann mir trotz der wenigen Ruinen die Stadt gut vorstellen. Hier hatten keine Reichen ihre Villen, hier wohnten ganz normale Bürger, die so wie wir am Sonntag hier spazieren gingen, zwischen dem Tempel, den Läden am umgebenden Forum und der Seepromenade. Ich glaube es war eine Stadt, in der man sich wohl fühlen konnte. Auch oder gerade als sie von der Kriegsgegnerin Roms zur langweiligen Wohnstadt wurde. Als jedoch in der Völkerwanderungszeit Barbaren den italienischen Stiefel rauf und runter zogen, war die Stadt ihnen schutzlos ausgeliefert. Wer weiß, welche Dramen sich an diesem Seeufer abspielten, bis Gabii im Schilf versank und vergessen wurde.

Hinter Gabii beginnt die Campagna Romana, so wie man sie sich vorstellt, mit leicht gewellten grünen Hügeln zwischen denen die Ruinen von Aquädukten hervorragen. Von Gabii führt die Via Polense nach Norden. Man vergißt ganz, dass man sich immer noch im Stadtgebiet von Rom befindet. Rom hat fast so viele Einwohner wie Berlin, aber die doppelte Fläche. Da ist viel Platz für Landschaft. Nach einigen Kilometern zweigt eine Straße durch einen Tuffsteinbogen ab. Das Eingangsportal von San Vittorino, auch ein Vorort Roms und Endstation der Stadtbuslinie O42. Es ist ebenfalls ein Ort, an dem einfache Bürger leben. Er krallt sich auf einem Felssporn fest, beherrscht von der etwas heruntergekommenen Burg der Barberini. Vor der Burg besteht der Wochenmarkt aus einem einzigen Gemüsestand. San Vittorino tauchte erst im frühen Mittelalter aus dem Nichts auf. Gut möglich, dass sich hier die Bewohner Gabiis, die sich vor den Massakern in der Ebene, vor Vandalen, Goten und Sarazenen, retten konnten, verschanzten. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Männer die am Gemüsestand ein Schwätzchen halten, die Nachfahren der Menschen sind, die einst die Abendsonne am See von Gabii genossen.

San Vittorino   San Vittorino
Die Via Polense endet im Städtchen Poli, das ihr den Namen gab. Auch ein ruhiges Landstädtchen mit verwinkelten Gäßchen auf einem Hügel. Auch der Palast der Conti ist nicht zum Touristenziel herausgeputzt. Die Conti herrschten von 1200 bis 1808 über Poli und stellten immerhin vier Päpste. Heute sind neben den Büros des Rathauses auch Wohnungen ganz normaler Leute im Schloß untergebracht. In der Einfahrt, im Hof und in den Loggien sind prächtige Renaissancefresken zu sehen, die durchaus eine Besuch in Poli rechtfertigen können. Als ein Familienvater seine Wochenendeinkäufe in seine Wohnung bringt, sehen wir durch die offene Tür, dass die Fresken sich an den Gewölben der Säle fortsetzen.

Poli, Palazzo dei Conti   Poli, Palazzo dei Conti
Wir lassen uns dazu verleiten, die Hauptstraße von Poli entlangzufahren, die immer schmäler wird und sich langsam aber sicher in eine Treppe verwandelt. Ein Einwohner rät uns davon ab weiterzufahren. Das sind die Momente in denen mir Maurizio entnervt erklärt, dass er und sein Auto für die Großstadt geschaffen seien. Mein Einwand, Poli sei ja fast noch Rom, beruhigt da eher weniger. Zugegeben, es ist etwas knifflig, das Auto durch die schmale Gasse mit flachen Stufen rückwärts hinauf zu steuern. Und so lassen wir als Andenken ein Rücklicht in Poli liegen.

Die Nerven zu beruhigen, dass schafft schließlich der Koch eines Landgasthofs am Fuß des Stadthügels. Er bereitet einfache aber hervoragend zubereitete römische Küche. Als Vorspeise gibt es die Lieblingsspeise der Römer, Artischocken nach römischer Art.

Carciofi alla Romana

pro Person eine römische Artischocke
leider gibt es diese zarten Gemüseblüten, die man fast vollständig essen kann, in Deutschland nur selten. Da bei den hier erhältlichen Exemplaren das meiste Abfall ist nimmt man besser zwei bis drei Stück.
den Saft einer Zitrone
1 Bund Petersilie
genausoviel Minze
pro Artischocke eine Knoblauchzehe
Olivenöl, Salz und Pfeffer

Von den Artischocken die harten Blattspitzen abschneiden. Den Stiel schälen. Er bleibt aber dran, er ist essbar.
Die Artischocken in Zitronenwasser legen, damit sie sich nicht verfärben.
Knoblauch und Kräuter grob wiegen und vorsichtig zwischen die Blätter drücken.
Die Artischocken mit der Öffnung nach oben in einen Topf stellen und zu zwei Dritteln mit Wasser auffüllen. Mit Olivenöl beträufeln.
Zugedeckt 20 bis 30 Minuten köcheln lassen.

Poli

zurück

______________________________________________________________________________________________________

Kommentieren

Seiten