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Calcata

Beschneidung Christi von Guido Reni, 1630 - 40, San Martino, Siena

Beschneidung Christi von Guido Reni, 1630 – 40, San Martino, Siena

In Calcata, Provinz Viterbo
Wenn man die, landschaftlich doch etwas langweilige, Superstrada von Rom nach Viterbo an der Ausfahrt Sette Vene verläßt, kommt man nach kurzer Strecke in den Naturpark Valle del Treja. Eine unerwartet grüne Landschaft, durch die sich das Flüsschen Treja in spektakulären Schluchten schlängelt.

Schließlich biegt man um eine Kurve und sieht das Städtchen Calcata vor sich, dass sich schwindelerregend an einen Felssporn über dem Treja krallt. Ein Ort, der lange vor der Gründung Roms besiedelt war. Von den geheimnisvollen Faliskern, deren Priester auf dem nahen Berg Soracte zu Ehren Apollos in lodernde Feuer sprangen. Als die Römer 241 v. Chr. deren Hauptstadt Falerii dem Erboden gleichmachten ging das Faliskerland im beginnenden Römischen Reich auf.

Heute ist Calcata ein beliebtes Ziel für den Wochenendausflug der Römer. Die Straße die zum Stadttor hinauf führt ist auch schnell zugeparkt, denn das Labyrinth aus engen Gassen und Treppen, das dahinter beginnt, ist rein technisch nicht befahrbar und somit autofrei. Es macht Spass durch den alten Ort zu streifen und immer neue Ausblicke in die umgebende wilde Landschaft zu entdecken. Doch der kalte Wind treibt uns schnell in eine der Wirtschaften, die am Sonntag Mittag schon gut besetzt sind. In der Latteria del Gatto Nero gibt es zwar keine Milch, wie der Name verspricht (Deutsch: Milchgeschäft zur schwarzen Katze), aber Fabio, der Koch, verwöhnt seine Gäste mit bodenständiger lokaler Küche. Ich wärme mich an einer Zuppa dei Ceci, einer Kichererbsensuppe mit Kastanien und nicht zu knapp Knoblauch. Das ist der Geschmack, der zu den Kastanienwäldern passt, die den Ort umgeben.

Als sich der Koch, nach dem der größte Ansturm vorbei ist, zu uns an den Tisch setzt, kann ich das eigentlich interessante Thema ansprechen. Spannend an Calcata ist, dass seine Geschichte eng mit einer der skurrilsten Reliquien der katholischen Kirche verbunden ist. Der Vorhaut Christi.

Ja Jesus war Jude und wurde in eine traditionelle jüdische Familie geboren. Daher war es ganz selbstverständlich, dass an ihm an seinem achten Lebenstag, wie es die Thora vorschreibt, die Berith Mila, die BesDer Legende nach soll Karl der Große anläßlich seiner Kaiserkrönung, auf den Tag 800 Jahre nach der Geburt Christi, die Reliquie Papst Leo geschenkt haben. Karl wiederum soll sie von einem Engel erhalten haben, oder prosaischer, von Kaiserin Irene aus Byzanz. Leo bewahrte das Kleinod im „Sancta Sanctorum“ in Rom auf, wo neben der Treppe, über die Jesus zu Pilatus gebracht wurde, allerlei andere Erinnerungsstücke an die Passion Christi liegen. Dort blieb das Sanctum Praeputium, wie es auf lateinisch heißt, über sieben Jahrhunderte. Es wurde aber gerne für allerlei Prozessionen hervorgeholt. Die Heilige Vorhaut bekam im Mittelalter sogar eine ganze Reihe Doppelgänger, Fast ein Dutzend anderer Kirchen behauptete im Besitz der Reliquie zu sein. So bat 1421 die schwangere Katharina von Valois ihren Ehemann ihr die Vorhaut zu besorgen, da ihr süßer Duft ihr eine erfolgreiche Geburt bescheren würde. Man kennt ja den Wunsch nach Erdbeeren oder sauren Gurken… Nun gut. Der Gatte erfüllte den Wunsch, aus welcher Quelle auch immer, die Reliquie in Rom war jedenfalls nicht verschwunden, und der Erfolg stellte sich ein. Der Sohn wurde als König Heinrich VI. Stammvater der englischen Dynastie der Tudors. Die Reliquie wurde nach getaner Arbeit in die Abteikirche Coulombs bei Chartres ausgelagert. Dort verschwand sie in der französischen Revolution und teilt damit das Schicksal aller Häutchen bis auf das der originalen (?) in Rom.chneidung vollzogen wurde. Also am 1. Januar, der bis 1962 auch von den Katholiken als Beschneidungsfest gefeiert wurde. Wie und weshalb das Hautstückchen, das dem Jesuskind entfernt wurde, der Nachwelt erhalten blieb ist ungeklärt.

Pfarrkirche Calcata

Pfarrkirche Calcata

Und wie kam die nach Calcata? Im 16. Jahrhundert war der Papst im Krieg zwischen Frankreich und Spanien zwischen die Fronten geraten. Schließlich machte sich ein Söldnerheer Karls V., der gleichzeitig deutscher Kaiser und spanischer König war, selbständig. Die mehrheitlich deutschen Landsknechte hatten seit Monaten keinen Sold bekommen und wollten sich den von Papst Clemens VII. holen, den sie für den Mißstand verantwortlich machten. Am 6. Mai 1527 erstürmten sie die Mauern der Heiligen Stadt, brachten gut die Hälfte der Einwohner um und stahlen eine unschätzbare Menge von Gold, Juwelen und Kunstgegenständen. Noch heute ist dieser „Sacco di Roma“ im kollektiven Bewußtsein der Römer verankert und treibt ihnen einen kalten Schauer über den Rücken wenn deutsche „Barbaren“ in Massen aus den Touristenbussen stürmen.

Einer dieser Landsknechte, wohl kein besonders heller, eroberte jedoch kein Gold und keine Edelsteine, sondern sicherte sich das Kästchen mit dem Hautkringel. Dies unter seiner Kleidung versteckt, machte er sich dann auf den Heimweg. Doch er kam nicht weit sondern wurde 50 km nördlich von Rom von Soldaten des Flaminio d’Anguillara aufgegriffen und in den Kerker der Burg von Calcata geworfen. Aus Angst, für den Diebstahl auf dem Scheiterhaufen zu landen, verscharrte der Deutsche das Reliquienkästchen im Lehmboden seiner Zelle. Doch er wurde freigelassen und kehrte nach Rom zurück wo er ein Leben in Buße und Reue führte. Er endete im Ospedale di Santo Spirito wo er in seiner Todesstunde dem Kaplan das Versteck der Reliquie verriet. Dieser informierte sofort Papst Clemens, welcher von Flaminio d’Anguillara die Rückgabe der Vorhaut verlangte. Doch dessen Mutter Maddalena Strozzi verweigerte die Herausgabe. Komisch, dass es immer die Frauen waren, die an diesem Stückchen Haut so hingen. Sie ließ es statt dessen im Altar der Pfarrkirche von Calcata verschließen. Der Nachfolger Clemens, Sixtus V., erkannte dies schließlich an und versprach sogar einen Sündenerlaß für den Besuch der Reliquie. Nicht unwichtig für Calcata, für das der Pilgerstrom einen erheblichen Wirtschaftsaufschwung bedeutete. Doch vor allem seit dem 19. Jahrhundert wurde dem Vatikan der Kult um die Vorhaut immer peinlicher und man bemühte sich ihn herunterzukochen. 1962 wurde auf dem Vatikanischen Konzil das Fest der Beschneidung Christi schließlich ganz abgeschafft.

In Calcata

In Calcata

Etwa zur gleichen Zeit wurde dem italienischen Staat der Ort Calcata peinlich. Dieses enge, verwinkelte Dorf ohne vernünftige Kanalisation und bedroht durch die Erosion der Tuffabhänge über denen es hängt. Da man befürchtete der ganze Ort könnte in die Schlucht abrutschen, gründete man einen halben Kilometer östlich Calcata Nuova, in das die Einwohner umgesiedelt wurden. Das Schicksal von Dorf und Vorhaut schien besiegelt.

Doch in den Siebziger Jahren begann auch in Italien die Zeit der Hippies. Einige Blumenkinder aus Rom entdeckte das verlassene Calcata Vecchia als idealen Ort für eine Landkommune und betätigten sich als Instandbesetzer. Künstler und solche die sich dafür hielten zogen nach und erwarben schließlich legal die Häuser im mittelalterlichen Städtchen. Noch heute reiht sich im Dorf eine Galerie an die andere. Es brauchte nicht lange bis die neuen Bewohner auf den abgefahrenen Reliquienkult aufmerksam wurden und plötzlich waren die Prozessionen mit der Heiligen Vorhaut wieder populär und viel besucht. Das ging bis 1983 so. Sicher nicht zur Freude des Vatikans.

Und was passierte dann? Bezeichnend ist die Homepage der Gemeinde Calcata auf der die Geschichte der Heiligen Vorhaut sehr detailliert mit genauen Daten und Namensnennungen dargestellt ist um mit dem sehr vernebelten Satz zu schließen, dass das Sanctum Praeputium im 20ten Jahrhundert verschwand. Auf jeden Fall verkündete der Ortspfarrer am 1. Januar 1983 den Gläubigen, die ihn mit ungläubigen Gesichtern anstarrten, dass es dieses Jahr keine Prozession geben würde, da die Reliquie verschwunden wäre. Diebe hätten sie aus dem Pfarrhaus gestohlen. Es ist ungeklärt warum die Heilige Vorhaut seit einiger Zeit nicht mehr in der Kirche sondern in der Wohnung des Pfarrers aufbewahrt wurde. Dieser Umstand nährte jedoch das Gerücht, der Pfarrer hätte die Vorhaut auf dem Reliquien-Schwarzmarkt zur persönlichen Bereicherung verscherbelt. Doch von einem plötzlichen Reichtum des Geistlichen ist nichts bekannt.

Und welche Diebe sollten die Heilige Vorhaut stehlen? Bei ähnlichen Raubzügen taucht normalerweise schnell eine Lösegeldforderung auf.  In Calcata meldete sich niemand.

Bleibt die dritte Version, eine Verschwörung des Vatikans. Tatsächlich war es dem Heiligen Stuhl ein Dorn im Auge, dass in dem Hippie-Dorf der Beschneidung Christi weiterhin gedacht wurde. Und ein gewichtigeres Argument ist, dass in den Achtziger Jahren erstmals ernsthaft über das Klonen gesprochen und geforscht wurde. Wäre es nicht absehbar, dass dann irgendwann mal ein Wissenschaftler versuchen könnte aus dem Hautstückchen Jesus zu klonen? Die Dorfbewohner erzählen, dass einige Tage vor dem Verschwinden der Reliquie, ihr Pfarrer in einer großen schwarzen Limousine nach Rom gefahren wäre. Aber festlegen möchten sie sich nicht. Auch Fabio nicht. Kein Kommentar.

Calcata besuchen

Mehr: Artikel von David Farley, Sonntagsblatt, Latteria del Gatto Nero in Calcata

Buchtipps:

Calcata von Mike Markart, fiktionaler Roman in dem Calcata (nicht die Vorhaut) die Hauptrolle spielt.

Rother Wanderführer Latium, mit Wanderung im Trejatal von/nach Calcata

In Calcata

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1 Kommentar zu „Heilige Vorhaut – Calcata“

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