Von Dornen und Jungfrauen

Subiaco, BurgSubiaco, Kloster des Benedikt
Ich fahre den Aniene hinauf und komme schließlich nach Subiaco. Ein beschauliches, ruhiges Landstädtchen.
Doch mit einer zweitausendjährigen Vergangenheit voll Geschichte und Geschichten.
Begonnen hat es mit meinem Namensvetter, Kaiser Claudius, der hier den Aniene zu drei Seen, oder Fischteichen aufstauen lies. Sein Adoptivsohn Nero errichtete dann hier seine Sommerfrische mit dem passenden Namen „Sublaqueum“, unter den Seen. Gleich wenn man den Ort nach Osten verläßt, trifft man auf die Reste seiner Villa. Vielmehr war es ein Landschaftspark in dem verschiedene Pavillons standen.
Natürlich zog die High-Society Roms sofort nach und es entstand so etwas wie das St. Moritz der Antike, das gut ein halbes Jahrhundert in Mode blieb und auch von nachfolgenden Kaisern besucht wurde.
Eine ganz andere Geschichte begann als um das Jahr 500 der junge Benedikt von Nursia, dem gottlosen Treiben der Metropole Rom überdrüssig, sich eine Einsiedelei, fernab jeder Zivilisation suchte. Hier wird die Situation paradox, denn die Villen an den Seen waren zu dieser Zeit durchaus noch in Benutzung. Die Nero-Villa noch intakt. Doch keine 100 Meter von dieser Villa fand Benedikt eine Grotte in der er drei Jahre lebte, von einem anderen Mönch über einen Flaschenzug versorgt.
Das wäre ja so wie wenn ich sagen würde: „Ach ich habe die Menschen satt. Ich will jetzt ganz alleine in der wilden Natur leben. Ich suche mir eine Höhle. Am besten am Stadtrand von Marbella.
Eigenartig, dass noch niemand darauf gekommen ist diese komische Überschneidung in der Geschichte des antiken Sublaqueum und der Geschichte des heiligen Benedikt zu sehen.
Nun ja, in einer wirklich einsamen Gegend hätte er wohl auch nicht die Anhänger gefunden um mit diesen schließlich 12 Klöster im Tal von Subiaco zu gründen. Nur noch das Kloster der Santa Scolastica (der Schwester Benedikts geweiht) ist davon übrig.
Dort wo Benedikt in seiner Grotte schmachtete steht heute das Kloster San Benedetto. Vielmehr es hängt, wie ein Schwalbennest, an einer steilen Felswand. Die kleine Eingangspforte lässt nicht erahnen welch ein Labyrinth an übereinander gestapelten Kirchen und Kapellen den Besucher erwarten. Alles über und über mit leuchtenden Fresken (8. bis 17. Jhd.) bemalt. Kein Quadratzentimeter blieb frei. Ein Bilderbuch das man tagelang ansehen könnte. Da sieht man den Einzug Jesu in Jerusalem. Er reitet auf einem Esel, der an einem Palmzweig knabbert. Im Hintergrund klettern Kinder auf Palmen um Nachschub zu holen. Ein kleiner, dicker Junge sitzt dabei und spielt gedankenversunken auf einer Flöte.
Gleich daneben Dramatik. Der Kindermord in Bethlehem. Grimmige Soldaten erstechen die Säuglinge in den Armen ihrer um Gnade flehenden Mütter.
Am Fuss des Klosters neben der Grotte ist ein kleiner Rosengarten angelegt. Um ihn herum stellt sich eine Gruppe sehr katholisch aussehender Amerikaner und schmettert voll Inbrunst ein Kirchenlied.
Hier an dieser Stelle soll sich der Heilige, als in die Versuchung übermannte, nackt in einen Dornenbusch geworfen haben. Franz von Assisi pfropfte dann bei einem Besuch Rosen darauf.
Ich stelle mir vor wie die Amerikaner sich ihrer Kleider entledigen und einer nach dem anderen, jauchzend, in die Dornen springt. Der kleine Dicke hinten zum Beispiel mit dem grellen, orangfarbenen T-Shirt. Oder der asketische, verkniffene Typ. Wie schafft der das, in der italienischen Sonne so blass zu bleiben? Oder der Schwarze mit der viel zu großen Sonnenbrille. Oder die blonde Mitfünfzigerin, die am lautesten und am falschesten singt. Der Dicke grinst mich an. Ob er meine Gedanken errät?
Jetzt werden die Amerikaner von ihrer Reiseleiterin gescheucht, denn ein Pater möchte exklusiv für die Delegation eine Messe halten. Sie läuft sogar noch mal zurück, da sie denkt ich sei das vergessene Schäfchen. „Sorry, sehe ich wie ein katholischer Amerikaner aus?“ „Nein!“ bestätigt sie lachend und läßt mich ziehen.
Benedikt hatte in Subiaco noch einige Krisen zu überstehen. Offenbar wollte der Bischof von Tivoli die wachsende Macht des Klosterkonklomerats in seiner Diözese nicht mehr dulden. So schickte der eine besonders perfide Versuchung in Form von 13 Jungfrauen, die nackt vor den Mönchen tanzten. Gegen diese Peep-Show half auch kein Dornbusch mehr. Benedikt zog von dannen und gründete auf dem Montecassino das heutige Mutterkloster der Benediktiner.
Doch die Klöster in Subiaco bestanden fort und dehnten ihre Macht immer weiter aus. Der Konflikt mit Tivoli wurde dabei künftig weniger mit erotischen als mit militärischen Mitteln ausgetragen. Davon zeugen die vielen Burgen, die die Mönche bauten. So auch in Cervara und Arsoli (siehe vorheriger Bericht). Mit der Abwehr der Versuchung waren die Mönche auch nicht mehr so erfolgreich. Es gibt Berichte, dass sich mancher Abt einen ganzen Harem von „Jungfrauen“ auf der Burg von Subiaco hielt. Das Geld für ihre Ausschweifungen preßten die Mönche aus den armen Bergbauern. So kam es schließlich 1454 zu einem Volksaufstand. Darauf beschnitt der Papst die Privilegien des Klosters und verfügte, dass die Leitung künftig vom Vatikan eingesetzt werde.
Doch mußte das ausgerechnet Rodrigo Borgia sein? Der alle bisherigen Ausschweifungen, auch als späterer Papst Alexander VI mit links übertraf. Angeblich wurde die Tochter des Papstes, Lucrezia Borgia, auf der Burg in Subiaco geboren. Sie wurde zur Personifizierung des verruchten Weibes. Sie soll nicht nur Vater und beiden Brüdern zu Diensten gewesen sein. Sie hatte auch unzählige Liebhaber. Nicht wenige ist sie mit Hilfe von Gift wieder losgeworden. Oder war das nur Propaganda der Borgia-Gegner?
Ich fahre weiter das Tal hinauf nach Jenne. Dieses Dorf ist wirklich abgeschieden. Aber wunderschön. Warum kam Benedikt nicht hierher?
Die Wirtin in der Bar freut sich. Ich wäre schon der zweite Deutsche in diesem Jahr, der sich hier her verirrt. Der Tourismus boomt.
Ich setze mich mit einem Cynar auf den Balkon. In der Ferne sieht man das Kloster am Felsen kleben.

06053060 Jenne

Lage des Klosters San Benedetto

San Benedetto, Subiaco auf einer größeren Karte anzeigen

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