Das Glück des heutigen Tages

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Der Largo Argentina ist ein geschäftiger Platz mitten in der römischen Altstadt. Menschen hetzen aus den Bussen, die hier halten, zur modernen Straßenbahn hinüber, Autos hupen die Vespas zur Seite und eine Ambulanz mit Blaulicht drängelt sich zusätzlich durch das Gewühl. Ich muss zugeben, mein Lieblingsplatz am Largo Argentina ist die riesige Buchhandlung Feltrinelli. Doch heute drehe ich mich vor dem Bücherparadies noch ein mal um und entschließe mich noch für einen Moment die Februarsonne zu genießen.
Largo Argentina
Der Largo della Torre Argentina, wie er ausgeschrieben heißt, ist nicht nach dem südamerikanischen Staat genannt sondern nach einem Turm, den Johannes Burckard, um 1450 im Elsaß geboren, sich hier errichten ließ. Burckard war als junger Mann Schreiber beim Bischof von Straßburg. Als eine Urkundenfälschung aufflog musste er jedoch fliehen und es verschlug ihn nach Rom. Er war ein heller Kopf und so schaffte er es schnell sich in der päpstlichen Familie hochzuarbeiten bis ihn Sixtus IV. zu seinem Zeremonienmeister machte. Er musste nicht nur dafür sorgen, dass bei den zahlreichen Kirchenfesten die Weihrauchfässchen an der richtigen Stelle geschwenkt wurden, er hatte auch Zugang zu Klatsch und Tratsch im innersten Zirkel des Vatikans. Und den notierte er in seinem Tagebuch fleißig mit. Sein Liber Notarum trug entscheidend zum schlechten Ruf des Borgia Papstes Alexander VI. bei. Doch wieviel davon wahr ist und aus welcher Mitteilung nur der Neid desjenigen spricht, der bei den Orgien vor der Tür bleiben musste, sei dahingestellt. Ende des 15. Jahrhundert baute er sich den standesgemäßen Palazzetto del Burcardo, der noch heute in der nahen Via del Sudario zu sehen ist. Den dazugehörigen Turm nimmt man nur noch im Innenhof wahr. Die Römer nannten ihn Torre Argentina, nach dem lateinischen Namen Argentoratum für Burkhards Heimatstadt Straßburg.

Eine Straßenbahn hält mit leisem Surren vor dem Teatro Argentina. In dem traditionsreichsten Schauspielhaus Roms wurde 1816 die berühmte Oper „Der Barbier von Sevilla“ von Rossini uraufgeführt. Ein denkwürdiges Ereignis bei dem so ziemlich alles schief ging, was schief gehen kann. Dem Almaviva rissen bei seinem Gitarrenständchen die Saiten, der Basilio stolperte bei seinem Auftritt und fiel der Länge nach auf die Bühne und plötzlich stolzierte eine Katze zwischen den Beinen der Sänger hindurch. Als der Vorhang fiel johlte und schrie das Publikum vor Vergnügen, wenn auch nicht über die Einfälle des Komponisten, sondern die des Schicksals.
Teatro Argentina

In der Mitte des Largo Argentina leben die Nachfahren der Katze die Rossini in den Wahnsinn trieb. Ein Rechteck des Platzes ist ausgespart und bietet einen Blick in die Vergangenheit. Ab 1926 wurden hier uralte Tempel ausgegraben zwischen deren Ruinen heute zahlreiche Katzen spielen oder in der Sonne dösen. Man fand die Reste von Tempeln die in die Anfangszeit Roms zurückreichen. Der älteste der ca. 300 v.Chr. gebaut wurde, war der uralten Erdgöttin Feronia, der Blumenliebenden, geweiht. Der zweitälteste wurde 241 v.Chr. für die Quellnymphe Juturna errichtet. Sie war die Geliebte des Jupiter und bekam von ihm die Gewässer Latiums geschenkt. Doch sie gab das Wasser gerne weiter an die Römer. Nur wenige Meter nördlich standen die Thermen des Agrippa, das erste große öffentliche Bad der Stadt, in dem sich vom Senator bis zum Sklaven alle, bei freiem Eintritt im warmen Wasser entspannen konnten. Zwischen den zwei Tempeln baute Quintus Lutatius Catulus im Jahr 101 v.Chr. einen Rundtempel für Fortuna Huiusce Diei, der Göttin des „Glücks des heutigen Tages“. Was für eine geniale Idee. Ein Tempel für den glücklichen Moment im Jetzt. Catulus meinte mit diesem Glücksmoment wohl den Sieg über die nach Italien eingefallenen Kimbern in diesem Jahr. Doch er mußte lernen, dass sein Glücksmoment eben nur für diesen Tag galt. Er glaubte, dass das Volk dem Marius, dem zweiten an der Schlacht beteiligten Feldherren, mehr zujubelte als ihm, als sie im Triumphzug durch Rom zogen. Dieser Neid setzte sich fest und lies die zwei zu erbitterten Gegnern werden. 14 Jahre später trieb Marius den Catulus schließlich in den Selbstmord. Und eine Generation später erlebte die Fortuna noch einen geschichtsträchtigen Mord. Am 15. März des Jahres 44 v.Chr. stieg am Fuß des Fortuna-Heiligtums Julius Cäsar aus seiner Sänfte um die Stufen zur direkt dahinter stehenden Kurie des Pompeius hinaufzusteigen. Die Unterkonstruktion der Treppe ist noch gut am Largo Argentina zu erkennen. Er lief seinen Mördern direkt in die Arme. Schaute da die Fortuna weg, oder hatte sie doch die Finger mit im Spiel? Manche Historiker glauben, dass Cäsar an seinem Attentat mitinszeniert hat. Sein Leiden an Epilepsie, ließ ihn langsam zum Scheitelpunkt seiner Karriere kommen. Hat der geniale Taktiker das Komplott der Senatoren für einen großen Abgang genutzt? Er hatte genügend Warnungen vor dem Attentat bekommen. Die letzte, auf einem Fetzen Papier geschrieben, wurde ihm auf dem Weg zum Senat zugesteckt. Er hielt ihn bei seinem Tod noch in der Hand. Trotzdem hatte Cäsar an diesem Tag ausdrücklich auf seine Leibwache verzichtet. Als er unter den Dolchstichen der Senatoren zusammenbrach ordnete er noch seine Toga. Wußte er, dass er in diesem Moment unsterblich geworden war?

Mir gefällt dieser geschichtsträchtige Ort. Die Göttinnen hier waren freundlich und den Menschen wohlgesonnen. Sie versprachen keine Erlösung und verlangten kein Märtyrertum. Sie verschenkten ein bißchen Lebensfreude an alle ohne Ansehen der Person. Welch Kontrast, wenn man sieht, wie in der nahen Kirche Sant’Andrea dell Valle der Heilige Andreas in qualvollen Szenen seines Todeskampfes gezeigt wird und an der Fassade von Il Gesù der Heilige Ignazius seinen Fuß einem Ketzer in den Nacken drückt. 400 Jahre nach Cäsars Tod hatten die Christen die alten Religionen besiegt. Sie zerrten die Statue der Fortuna aus ihrem Tempel und ließen die Stücke im Schutt liegen. Das Glück wurde vom „heutigen Tag“ auf irgendwann später, nach dem Jüngsten Gericht, verschoben. 1928 wurde ihr Kopf gefunden und ins Kapitolinische Museum gebracht.
Largo Argentina - Bergung des Kopfes der Fortunaam Largo Argentina
Doch wenn ich mich so umschaue, dann wirkt die Fortuna doch weiter über die Jahrtausende hinweg. Ob es nun die junge Inderin mit dem Handy am Ohr ist, die dort am Geländer der Ausgrabungen lehnt und ein inniges Gespräch mit jemand in der Heimat führt. Ob es die Besucher der Thermen waren, die im Dampfbad ihre Sorgen vergaßen. Ob es der Bettler ist der mit einem Lächeln auf einer Parkbank schläft oder die Besucher der denkwürdigen Opernpremiere. Ob es Catulus war, der seinen Triumphzug genoß, oder der arme elsässer Bauernbub Johannes Burkhard, der in Rom Karriere machte, oder der junge Vater dort drüben, der mit seinen Kindern herumtobt. Alle haben oder hatten Teil am „Glück des heutigen Tages“. Vielleicht sogar Cäsar.


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