Aus drei Tempeln mach eine Kirche

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Stadtführung durch die Römischen Altstadtsan-nicola-in-carcere-002.jpg

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Das Gebiet zwischen dem Kapitolshügel und dem Tiber ist selbst für römische Verhältnisse ausgesprochen reich an Zeugnissen und Kunstschätzen aus gut 2.500 Jahren. Eigentlich zu schade, dass die meisten Touristen nur in einem langen Treck zum Wahrheitsmund, der Bocca della Verità, wandern und bestenfalls einen müden Blick zum Marcellustheater werfen. Gut die Via Petroselli hat durch die Umbauten unter Mussolini ihren mittelalterlichen Charme eingebüßt, den man jedoch in den Seitengassen nach wenigen Metern wieder findet. Doch durch die Ausgrabungen ab den 1930er Jahren haben wir auch viel über die Römische und damit Europäische Geschichte erfahren.

Hier an dieser Uferebene lag in grauer Vorzeit, als Rom die Ansammlung bescheidener Hirtendörfer auf den berühmten sieben Hügeln war der erste Hafen, oder besser eine Landestelle für Handelsboote. Und so entstand der erste Marktplatz Roms. Später aufgeteilt in das Forum Boarium, den Viehmarkt, und das Forum Holitorium, den Gemüsemarkt. Hier bekam Rom zum ersten Mal Kontakt mit dem Rest der Welt. Vor allem griechische Kaufleute siedelten sich an. Den griechischen Einfluß spürt man noch heute, stehen doch in diesem Viertel noch zwei griechisch-orthodoxe Kirchen.

Säulen der Spes in der FassadeBereits in der Zeit der Römischen Republik standen hier zahlreiche Tempel und öffentliche Gebäude. Das Forum Holitorium war durch die Fassaden von vier nebeneinander stehenden Tempeln begrenzt. Der nördlichste, der Tempel der Pietas, der Ehrfurcht vor den Göttern, der allerdings selbst keine Ehrfurcht genoss, sondern 23 v.Chr. von Augustus für den Bau des Marcellustheaters abgerissen wurde. Südlich davon stand der Tempel des Janus, des Gottes von Anfang und Ende, der dem Monat Januar seinen Namen gab. Er entstand während des Ersten Punischen Kriegs (264 – 241 v. Chr.). Anschließend der Tempel der Juno Sospita, der wichtigsten römischen Göttin in ihrer Form als Beschützerin des Staates, der um 195 v. Chr. erbaut wurde. Und schließlich der Tempel der Spes, der Göttin der Hoffnung, aus der gleichen Zeit wie der Janustempel. Sie bildeten für mehr als ein halbes Jahrtausend einen recht optimistischen Götterreigen bis sie Ende des 4. Jahrhunderts in Rente geschickt wurden. Im Jahr 395 verbot Kaiser Theodosius die heidnischen Religionen und ließ die Tempel schließen.

In das Podium des Spestempels wurde eine kleine Kapelle eingebaut, deren Reste heute noch zu sehen sind. Das Fresko in der Apsis ist leider verschwunden.

Plan nach Lanciano

Dann begann die Dunkle Zeit, aus der nur noch wenige Nachrichten zu uns dringen. Germanen und Byzantiner kämpften um Rom und trugen dazu bei, dass die antike Millionenstadt zur mittelalterlichen Kleinstadt herabsank. Im Bereich der Tempel des Forum Holitorium fand man Gräber aus dem 6. Jahrhundert. Das uralte Gesetz, dass man innerhalb der Stadt keine Toten begraben durfte wurde nicht mehr beachtet. Und irgendwann, vermutlich im 7. oder 8. Jahrhundert, zog in den Tempel der Juno eine christliche Kirche ein. Der Tempel des Janus wurde statt dessen als Gefängnis genutzt. Dies klingt noch im Namen der modernen Kirche (in Carcere = beim Gefängnis) nach. Im Jahr 1087 hatten Seeleute die Gebeine des Heiligen Nikolaus in Myra, in der heutigen Türkei gestohlen und ins süditalienische Bari gebracht, wo sie noch heute im Dom ruhen. Nur wenige Monate darauf wurde die Kirche im Junotempel eben diesem Nikolaus geweiht. Einmal da er als Patron der Gefangenen hier am richtigen Ort war, zum zweiten da er vor allem in der östlichen Kirche verehrt wurde und in diesem römischen Stadtteil noch immer viele griechische Kaufleute wohnten. Die Tradition, dass Nikolaus die Kinder an seinem Gedenktag beschenkt entstand erst viel später.

Ausgrabungen unter San Nicola

Papst Honorius nahm den Einzug des Nikolaus wohl zum Anlass und ließ die Kirche vergrößern. Dabei nutzte man wiederum die alten Tempel, die wohl noch weitgehend intakt waren. Die Zwischenräume zwischen den Tempeln wurden zu den Seitenschiffen der Kirche und die Säulenreihen der Nachbartempel vermauert und als Auswände genutzt. Der Rest dieser Tempel wird wohl als Baumaterial für die mittelalterlichen Häuser verwendet worden sein, die neben der Kirche entstanden. Giuseppe Vasi, der fleißige Vedutenmaler des 18. Jahrhunderts zeigt die Kirche an einem kleinen, eng bebauten Platz. Nur eine Säule an der Fassade, die 1599 von Giacomo della Porta vorgesetzt wurde, erinnert noch an die alten Tempel. Erst als Mussolini in den 1930er Jahren die Straße verbreitern ließ und dafür die Häuser fielen, stieß man wieder auf die drei alten römischen Götter. Die Säulen sind heute an der Seitenfassade der Kirche wieder sichtbar und erinnern daran, dass Nikolaus nur zu Gast bei Juno ist. In den Ausgrabungen unter der Kirche kann man zu den Fundamenten der alten Tempel vorstossen.

Ein alter Brauch der noch lange im Mittelalter gepflegt wurde geht vielleicht sogar auf Juno als Göttin der Geburt zurück. Mütter gaben hier in der Kirche ihre überschüssige Milch ab, damit man damit Findelkinder nähren konnte.

Sie haben Interesse an der Besichtigung der Ausgrabungen unter San Nicola? Siehe Stadtführung Nr. 10

oder Auskunft unter: info@stadtbesichtigungen.de


San Nicola in Carcere, Roma auf einer größeren Karte anzeigen

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