Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Ein unbekanntes Kloster in Rom

San Lucia in Selci 1748
Es gibt Kirchen in Rom, vor denen täglich tausende Touristen Schlange stehen. Andere werden von den Besuchern wahrscheinlich nicht mal als Gotteshaus wahrgenommen wenn sie sich vor deren Fassade in einer abgelegenen Gasse wie der Via in Selci verirren. Santa Lucia in Selci bewahrt bis heute seine frühmittelalterliche Fassade, die kaum auf einen Kirchenbau hinweist.

Im Mittelalter hatte die Via Labicana als eine der letzten Straßen aus der römischen Antike noch ihr Pflaster bewahrt. Das war so erwähnenswert, dass das von Papst Symmachus (498 bis 514) in der Nähe gegründete Kloster Santa Lucia den Beinamen „in Selci“, am Pflaster, bekam.
Santa Lucia in Selc, FassadeSanta Lucia in Selc, Fassade
Ich habe Glück. Vor dem Eingang des Klosters Santa Lucia in Selci wartet ein junger Mann von der ENEL, der italienischen Elektrizitätsversorgung auf Einlaß. Nach kurzer Unterhaltung erklärt er sich bereit, mich in das ansonsten für die Öffentlichkeit geschlossene Kloster mit „einzuschleusen“. Als endlich nach langem Warten eine Nonne die Pforte öffnet, wimmelt sie überraschenderweise den Stromableser zügig wieder ab und zeigt wesentlich mehr Verständnis für meinen Wunsch die Kirche zu fotografieren. Nicht ganz zu Unrecht gelten kirchliche Einrichtungen in Rom als äußerst schlechte Zahler von Strom- und Wasserrechnungen. Der ehemalige Bürgermeister Rutelli hatte schwere Verstimmungen mit dem Vatikan riskiert, als er die Bezahlung von seit den 50er Jahren offenen Abwasserrechnungen verlangte. Der beleidigte Papst Johannes Paul II sagte daraufhin ein Dutzend Gottesdienste in Rom ab, ignorierte aber weiterhin die Mahnbescheide.

Also mein Glück, dass ich im Vergleich der angenehmere Besucher war. Doch zu einem Gespräch ist die Schwester nicht aufgelegt. Fragen nach dem Architekten Francesco Borromini kontert sie mit einem kurzen Fingerzeig auf die von ihm geschaffene Cappella Landi. Dann steckt sie ihre Nase in ihr Gebetbuch als unmißverständliches Zeichen, dass die Unterhaltung beendet ist. Schon gar nicht möchte sie über den Reliquienhandel sprechen. Das Kloster gilt als letzte Umsatzstelle der katholischen Kirche für die Überreste ihrer Märtyrer. Wer z.B. den Schienbeinknochen eines Heiligen erwerben möchte muss sich an dieser Anlaufstelle einfinden. Nun gut, vielleicht kann ich ein anderes Mal mehr zu diesem interessanten Thema recherchieren.

Die barocke Umgestaltung der Kirche ist dafür offensichtlicher. Im 16. Jahrhundert übernahmen die Schwestern des Augustinerordens das uralte Gebäude. 1596 beauftragten sie den vom Luganer See stammenden Architekten Carlo Maderno mit der Neugestaltung ihrer Kirche und des Klosters. Maderno gehörte zu einer ganzen Architektendynastie, die aus dem heutigen Tessin nach Rom kam, um der Ewigen Stadt ihren Stempel aufzudrücken. Er arbeitete zuerst in der Werkstatt seines Onkels Domenico Fontana. Als dieser wegen Unterschlagungen Rom verlassen musste, übernahm er dessen Geschäfte. Ein Auftakt zu einer steilen Karriere, die Maderno 1603 bis zum Baumeister des Petersdom führte. Die Baustelle in der Via in Selci lief spätestens dann wohl nur noch nebenher und kam sehr schleppend voran. 1637 „erbte“ Francesco Borromini den unvollendeten Bau von seinem zwischenzeitlich verstorbenen Onkel Carlo Maderno. Für ihn hatte Santa Lucia in Selci sicher weit größere Bedeutung. Er hatte gerade im Streit seinen Chef Gian Lorenzo Bernini verlassen. Einen Streit, den beide mit viel Herzblut bis zu ihrem Tod weiterführten. Borromini war dringend auf Aufträge angewiesen.
Santa Lucia in Selci, Cappella LandiSanta Lucia in Selci
Borromini gestaltete den Innenraum der Kirche. Doch wer hier die geschwungenen, verdrehten und verschränkten Formen erwartet, für die der kreativste Architekt Roms bekannt wurde, wird enttäuscht sein. Die Formgebung ist noch ganz dem strengen Barock seiner lombardischen Heimat (zu dem damals noch das Tessin gehörte) verhaftet. Die mit Bildmedaillons belegten Pfeiler der Cappella Landi, sein Hauptwerk in der Kirche, erinnern noch an die Renaissance. Doch die ganz unborromineske Ausstattung hat eine angenehme elegante Ausstrahlung.

An der Außenfassade kam die Barockisierung nur in einem relativ bescheidenen Portal zum Ausdruck. Ansonsten zeigt sie sich noch so, wie sie im 6. und 7. Jahrhundert geschaffen wurde, als mehr auf Wehrhaftigkeit, denn auf Schmuck Wert gelegt wurde. Doch wer genau hinsieht, entdeckt noch ältere Spuren. Im östlichen Drittel der Fassade zeichnen sich deutlich zugemauerte Arkaden ab. Die Reste eines antiken Gebäudes.

Auf die Spur dieses Baues kommen wir, wenn wir uns die Forma Urbis Romae anschauen. Diese war ein riesiger und ausgesprochen genauer Stadtplan Roms, der unter Kaiser Septimus Severus Anfang des 3. Jahrhunderts in Marmorplatten geritzt wurde. 1.186 Scherben wurden bisher gefunden und in jahrelanger noch nicht abgeschlossener Arbeit lokalisiert und identifiziert. Doch wir haben Glück. Der Standort unseres Klosters findet sich auf einem Fragment wieder. Die Via in Selci war damals der Clivus Suburanus. Das Gebäude, das an ihn angrenzt, ist sogar deutlich lesbar beschriftet. Es ist die Porticus Liviae, über deren Entstehung wir recht gut Bescheid wissen.

Publius Vedius Pollio kam aus einer Familie freigelassener Sklaven und erwarb im ersten Jahrhundert vor Christus unermeßlichen Reichtum. Er war für seine ausschweifenden Feste bekannt. Da er sich Kaiser Augustus, der ihn förderte, verpflichtet fühlte, vererbte er ihm sein Anwesen am Esquilin in Rom. Augustus errichtete darauf zu Ehren seiner Frau Livia einen öffentlichen Garten mit einem ihn umgebenden Säulengang ein. Eben die Porticus Liviae. Die Anlage von der Größe eines Fußballfeldes war mit Bäumen bepflanzt. Zwischen Blumenbeeten standen Statuen und in der Mitte war ein großer Brunnen. Ein beliebter Erholungspark im damals schon lauten und chaotischen Rom, der von dessen Bürgern bis zum Ende des Römischen Reichs gerne genutzt wurde. In der Völkerwanderungszeit wurde das grüne Kleinod zerstört. Erst Anfang des 6. Jahrhunderts wurde in einem Winkel des Säulengangs das bescheidene Kloster eingerichtet. Ich habe einmal versucht, das Stück der Forma Urbis über den heutigen Stadtplan zu legen. Die Porticus ist heute noch gut in der Form der Gebäude ablesbar und zeigt die Kontinuität der Stadt über mehr als 2000 Jahre.

Stadtführung durch die Römischen Altstadt

Stück der Forma UrbisLage des KlostersPorticus Liviae in der heutigen Stadt

Kommentieren

Seiten