Die Geschichte von Santa Maria in Aracoeli

Für die Römer ist in der Weihnachtszeit nicht der Petersdom die wichtigste Kirche sondern Santa Maria in Aracoeli auf dem Kapitol, denn hier wohnt das römische Christkind. Natürlich wollte ich es mit einer Gruppe in der Adventszeit besuchen. Doch wir fanden am Eingang der Kapelle des Santo Bambino nur einen handschriftlichen Zettel, dass das Christkind zurzeit außer Haus wäre. Der Messner bestätigte mit einem Blick auf die Überwachungskamera, dass der Knirps noch nicht von seinem Hausbesuch zurück sei. Tatsächlich nimmt die einen halben Meter hohe pausbäckige Holzfigur nicht nur Weihnachtswunschzettel von Kindern entgegen sondern gilt auch bei schweren Krankheiten als wundertätig. Daher wurde sie immer wieder, natürlich gegen eine entsprechende Spende, an Krankenbetten ausgeliehen. Der Legende nach soll sie im 15. Jahrhundert von einem Franziskanermönch aus dem Holz eines Olivenbaums aus dem Garten Gethsemane bei Jerusalem geschnitzt worden sein. Eine Prinzessin Borghese war so schlau zuvor eine gute Kopie des Bambino anfertigen zu lassen bevor sie das Original an das Krankenbett ihres Cousins Scipione Borghese rufen lies. Zwar schickte sie die Kopie zurück, doch machte sich bei Nacht auch die eigentliche Figur mit Trippelschritten auf den Weg. Die verdutzten Mönche fanden es als sie durch Klopfen an der Tür geweckt wurden. Die Kopie landete in der Kirche von Giulianello, einem Landsitz der Borghese südlich von Rom, wo sie genauso wundertätig wirkt. Das Santo Bambino wurde übrigens 1994 gestohlen. Damals erzählte mir ein Mönch unter Tränen, wie sich die Diebe einschließen ließen, die Alarmanlage außer Gefecht setzten und durch ein Dachfenster flohen. Vom Christkind fehlt bis heute jede Spur. So wurde noch eine Kopie erstellt. Auch die ist wundertätig und hört mit stoischer Geduld, die Weihnachtsgedichte und –lieder an, die römische Knirpse von einer eigens aufgestellten Tribüne krähen, wenn die Holzfigur ab Heiligabend in die Krippe in der zweiten Kapelle auf der linken Seite gelegt wird.

Doch diese so wundertätige, wie kitschige Figur ist vielleicht nur ein Nachhall dieses Platzes, der schon vor 3000 Jahren für die Menschen eine magische Bedeutung hatte. Schon zur Zeit, als Rom nur ein kleines Hirtendorf war wurde hier auf dem Kapitol das Auguraculum eingerichtet. Etruskische Priester beobachteten hier über einer gedachten Linie zum Jupitertempel auf dem Monte Cavo in den Albaner Bergen den Vogelflug und sagten daraus den Willen der Götter voraus. Das Heiligtum war bis in die Kaiserzeit nur eine einfache Strohhütte, die immer wieder erneuert wurde. Noch heute kann man den Zauber nachempfinden, wenn man sich morgens auf die Terrasse hinter der Kirche stellt und zu den Albaner Bergen schaut, die aus dem Dunst der Millionenstadt hervorragen. Man schaut über die Ruinen des Forum Romanum, einst das Zentrum der Welt. Der Titusbogen, auf einer kleinen Anhöhe, steht genau in der Blickachse.

Genau hier auf dem Kapitol wurde im 345 v. Chr. der Tempel für Juno, der Göttin der Geburt, errichtet. Bekannt ist vor allem die Geschichte, dass die Gänse die bei dem Tempel gehalten wurden, durch ihr Geschnatter die Römer weckten, als bei Nacht die Gallier das Kapitol erobern wollten. Daher bekam Juno den Beinamen „Moneta“, die Wachsame. Da beim Tempel die römische Münzstätte gegründet wurde, ging dieser Name auch auf das Geld über. Nicht nur die „Moneten“ auch das Wort „Münze“ leitet sich von der wachsamen Moneta her.

Nicht zufällig wurde dieser Ort der Auguren und der Juno, Göttin der Geburt, zum Schauplatz einer mittelalterlichen Legende. Die Tiburtinische Sibylle soll Kaiser Augustus hier in einer Vision eine Jungfrau mit Kind, auf einem Altar sitzend gezeigt haben. Sie sagte dazu: „Dieses Kind ist größer als du und wird die Götter stürzen.“ Darauf soll Augustus hier einen Himmelsaltar, lateinisch „Ara Coeli“ errichtet haben. Den vermeintlichen Altar sieht man unter der Ädikula mit dem Grab der Heiligen Helena im linken Querschiff durch Sehschlitze. Doch ist das wohl eher der Altar der vorherigen, frühmittelalterlichen Kirche.

Nachdem die alten Religionen verboten waren, bauten griechische Mönche in den Tempel der Juno eine Kirche. Sie drehten sie allerdings von der Ausrichtung weg vom Forum und den Albaner Bergen, Richtung Kapitolsplatz. Die Kirche stimmt ziemlich genau mit dem heutigen Querschiff überein. Das Thema Geburt blieb erhalten und Juno wurde durch die Jungfrau Maria ersetzt.

1249 übernahmen die Franziskaner die Kirche und begannen gleich mit einem völligen Neubau. Sie drehten die Kirche noch mal um eine Vierteldrehung und kehrten endgültig den antiken Mythen den Rücken. Die neue Kirche schaut nun zum neuen Zentrum, dem Petersdom. Und doch mit dem wundertätigen Christkind scheint es als hätten die etruskischen Auguren noch einmal einen Fuß in die Tür bekommen.

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