Zwischen Raffael und Michelangelo…

Christopherus (1938) Otto Dix, Vatikanische Museen, Foto Max Pappert 2010

…gehen die meisten Besucher des Vatikanischen Museums, von der Renaissance-Kunst fast erschlagen, meist achtlos durch die Abteilung mit moderner Malerei. Dabei befinden sich hier Werke von Künstlern mit Weltrang. Picasso, Chagall, Gauguin, Dalí, Kokoschka, Kadinsky, u.v.m. Damit könnte man problemlos ein dutzend Museen betreiben. Die Sammlung „Religiöser Moderner Kunst“ wurde von Papst Paul VI. begründet aber seit Johannes Paul II. nicht weiter ausgebaut.

Ich bin an einem Bild von Otto Dix hängen geblieben. Dix kenne ich gut aus dem Kunstmuseum in Stuttgart. Sein Triptychon der Großstadt ist weltberühmt. Sein Bildnis der Tänzerin Anita Berber, deren rotes Kleid mehr zeigt, als es verhüllt, hat es sogar auf eine Briefmarke geschafft. Dix war der Maler, der die Verwerfungen der 20er Jahre dargestellt hat. Sozialkritisch, aber im Stil immer auch an die Alten Meister wie Jörg Ratgeb und Matthias Grünewald angelehnt. Es war absehbar, dass er einer der ersten Künstler war, auf den sich die Nazis nach der Machtergreifung einschossen. Er galt als „entartet“. Seine Professur an der Kunstakademie in Dresden wurde ihm entzogen. Er bekam Ausstellungsverbot und viele seiner Bilder wurden verbrannt.

Dix ging in die innere Emigration und versuchte sich in dem kleinen Dorf Hemmenhofen am Bodensee dem politischen Sturm zu entziehen. Er wand sich der Landschaftsmalerei und religiösen Motiven zu. Auch dort auf dem Land ließ man ihn nicht in Ruhe. 1938 wurde er für zwei Wochen von der Gestapo inhaftiert. Doch kurz darauf bekam er doch einen guten Auftrag. Die thüringische Köstritzer Brauerei bestellte ein Bild des Heiligen Christopherus. Das Bild hängt heute in seinem Geburtshaus in Gera.

Doch Dix malt gleich sechs Versionen des populären Nothelfers. Eine davon hat den Weg nach Rom in den Vatikan gefunden. Christopherus war der riesenhafte Heilige, der ein kleines Kind, das Jesuskind, durch einen Fluss trug. Das Kind wurde immer schwerer und eine kaum noch aushaltbare Last. Und das Kind sagte zu dem Riesen, als sie am anderen Ufer ankamen: „Ich bin der Heiland und wie du weißt, trägt der Heiland die Last der ganzen Welt.”

Man kann gut nachvollziehen, dass ein politischer, zur Machtlosigkeit verdammter Künstler, der aus seinem Atelier in einem Dorf am Ausgang des Bodensees zu Beginn des Weltkriegs über den Hochrhein zum Schweizer Ufer schaut, sich mit der Figur des Christopherus beschäftigt. Und so steht das Bild, das so ganz anders als die expressiven Gemälde der 20er Jahre wirkt, doch ganz in der Tradition von Dix, des politischen Realismus. Der Riese, der sich in einem reißenden Fluss an einen Baum klammert und nicht weiß ob das leuchtende Kind auf seinem Rücken Segen oder Fluch ist, ist ganz im Stil der Künstler des 16. Jahrhunderts gemalt. Aber das Bild drückt auch die Gefühle eines Mannes 1938 aus, der vielleicht gerne den Fluss vor seinem Haus durchwatet hätte und nicht wusste ob es an dem Ufer, an dem er doch blieb, noch Hoffnung gibt.

Christopherus (1938) Otto Dix, Vatikanische Museen, Foto Max Pappert 2010

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