Die Sieben Werke der Barmherzigkeit

Fast wären wir an der kleinen Kirche in der Via dei Tribunali in Neapel vorbeigelaufen. Der Messner sitzt in einer der Kapellen des streng achteckigen Raums und liest Zeitung. Ohne aufzusehen sagt er: „Der Caravaggio hängt in der Mitte.“
Der Hinweis wäre nicht nötig, denn das Bild von Caravaggio fällt mit seiner Dramatik sofort ins Auge.
Der Maler Michelangelo Merisi, der unter dem Namen seines Geburtsortes Caravaggio bei Bergamo bekannt wurde, kam 1592 nach Rom wo er sich mehr recht als schlecht als angestellter Maler in großen Werkstätten durchschlug. Er konnte gut Früchte malen und fügte so in Gemälden großer Meister noch die eine oder andere Obstschale zu. Erst als der Kardinal del Monte ihn unterstützte, begann sein Aufstieg. Nun durfte er Porträts malen. Meist von Jünglingen in homoerotischer Pose, die manch frommer Kirchenmann gerne zu später Stunde in einem Hinterzimmer mit rotem Kopf einem intimen Freundeskreis vorführte.
Sein erster großer Auftrag war ein Bilderzyklus zum Leben Matthäus in der Capella Contarelli in der Kirche San Luigi die Francesi. Und dort gelang ihm mit der Berufung des Matthäus ein Quantensprung in der Malerei. Noch nie hatte man diesen Hell-Dunkel-Kontrast in einem Gemälde gesehen. Die Dramatik die durch die Führung des Lichts die Geste von Jesus unterstützt der auf seinen künftigen Apostel zeigt.

Die Blickkontakte, die fast physisch zu spüren sind. Es ist als hätte nach Jahrhunderten mit flachen Bildern mit gleichmäßiger Beleuchtung, plötzlich dieser Caravaggio den Schalter gefunden und das Licht, den Spot, in der Kunst eingeschaltet.
Doch diese Realität in den Heiligenbildern erregt auch viel Mißfallen. In der Figur der Madonna in Sant‘ Agostino wird eine stadtbekannte Hure wiederekannt. Und vielleicht noch schlimmer: die vor ihr knienden Hirten strecken dem Betrachter ihre dreckigen Füße entgegen. Das hat die Kunst bisher noch nicht erlebt.

Die Berufung Matthäus Die Pilgermadonna
Caravaggio schwankt zwischen Phasen, in denen er wie ein Besessener malt und wilden Saufgelagen mit Kneipenschlägereien hin und her. Am 28. Mai 1606 ersticht er im Streit Ranuccio Tommasoni, der vermutlich sein Geliebter war. Das ist die Gelegenheit seiner Gegner die Todesstrafe für ihn zu fordern. Und so flieht der Künstler überstürzt nach Neapel.
Und dort das:
1601 haben hier Adlige eine Stiftung für Arme gegründet, die bis heute besteht. Die Pio Monte della Misericordia, in etwa als Berg der Barmherzigkeit zu übersetzen. Hier in der Via dei Tribunali, hinter dem Dom hat sie ihren Sitz und hier wird ihre schlichte Kirche errichtet. Überraschend bekommt der Flüchtling Caravaggio den Auftrag für das Altarbild und schafft sein geheimnisvollstes und komplexestes Werk. Die Sieben Werke der Barmherzigkeit. Gemalt von einem Mann, der nicht mehr auf Barmherzigkeit hoffen konnte. Dem erst langsam klar wurde, dass der Rest seines Lebens aus der Flucht vor dem Tod bestehen würde.
Die Sieben Werke der Barmherzigkeit bestehen laut der katholischen Kirche aus:
1. Hungernde speisen
2. Durstige tränken

3. Fremde beherbergen
4. Nackte bekleiden
5. Kranke pflegen
6. Gefangene besuchen
7. Tote bestatten
Caravaggio läßt das alles gleichzeitig in einer engen neapolitanischen Altstadtgasse geschehen. Und wieder bringt er eine ungeahnte Dramatik und Bewegung, allein durch den Einsatz des Lichts, in das Geschehen. Und auch die Thematik ist ungewöhnlich. Eine Frau nährt einen Greis, der seinen Kopf durch Gitterstäbe streckt, an ihrer Brust, und erfüllt damit gleich zwei der Werke. Hinter ihr wird eine Leiche aus dem Haus getragen, mit den Füßen vorraus. Wird der Edelmann, der an dem nackten Bettler vorbeischreitet seinen Mantel mit ihm teilen? Je näher man herantritt um so mehr Figuren erscheinen aus dem Dunklen, deren Rolle im Unklaren beleibt. Über allem tragen zwei Engel die Jungfrau mit dem Kind und haben anscheinend Mühe nicht abzustürzen. Ein ganzer Kosmos eröffnet sich in diesem Werk.
Die Darstellung ist, gelinde gesagt, überraschend für eine Kirche. Zwei nackte Männerkörper (die Engel) in inniger Umarmung, ein erwachsener Mann saugt an einer entblösten Brust. Doch in Neapel blieb der Skandal aus. Die Leute sind von den Krippen deftigere Szenen gewöhnt.
David und GoliathEs war eines der wenigen Bilder, die Caravaggio in Neapel schuf. Nach einem halben Jahr floh er, da er die Auslieferung fürchtete, weiter nach Malta und Sizilien. Seine Bilder wurden dort jedoch immer düsterer und unwirklicher. In seinen letzten Bildern scheint er seinen Tod vorauszuahnen. Er malt mehrer Male David mit dem abgeschlagen Haupt von Goliath.

Dabei ist die furchteregende Fratze aus der das Blut tropft sein Selbstporträt. Eines der Bilder schickt er an den Papst, quasi als Gnadengesuch. Und tatsächlich wird ihm die Gnade gewährt. Nur es ist zu spät, die Mitteilung erreicht ihn nicht mehr. Er hat schon auf gut Glück ein Schiff Richtung Rom bestiegen. Doch strandete er im Hafen von Porto Ercole. Am 18. Juli 1610, mit noch nicht mal 39 Jahren beendet Michelangelo Merisi dort sein intensives, reiches, kreatives Leben. Seine Überreste wurden erst vor kurzem gefunden.

Vielleicht hat sein Schaffen in dieser kleinen Kirche in Neapel ihren Höhepunkt erreicht.


Pio Monte della Misericordia, Neapel auf einer größeren Karte anzeigen

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